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Die Arbeitsgruppe Schweiz ist eine der Ländergruppen der ISPPM e.V., dem europäischen Dachverband.
Ihre Aufgabe ist es, die zentralen Themen und Anliegen aus der prä- und perinatalen Psychologie und Medizin untereinander zu diskutieren und auf die nationalen und lokalen gesellschaftlichen Gegebenheiten der Schweiz anzupassen und zu verbreiten.

Die Arbeitsgruppe Schweiz verfolgt drei Ziele:

1. Die einzelnen Mitglieder aus der Schweiz sollen miteinander in Verbindung gebracht werden. Es soll der Aufbau eines Netzwerkes gefördert werden bestehend aus Leuten, die vertraut sind mit den lokalen gesundheitspolitischen und gesellschaftlich-kulturellen Gegebenheiten der Schweiz.

2. Die landeseigenen Erfahrungen sollen in die ISPPM e.V. eingebracht und dort diskutiert werden. Daraus können neu Ziele entwickelt und wiederum Aktivitäten im europäischen oder landeseigenen Kontext umgesetzt werden.

3. Die Arbeitsgruppe Schweiz sucht den Austausch mit den anderen Ländergruppen.

Ansprechpartnerin: Dr. med. Antonia Stulz-Koller, FMH für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Gemeinschaftspraxis am Märtplatz, Edisonstr. 24, 8050
CH-Zürich
Email: antonia.stulz@hin.ch

Das pränatale Trauma des alleingeborenen Zwillings ist für die Betroffenen heute schon eine schwerwiegende Belastung. Dieses Urtrauma ist vom Bewusstsein nicht erinnerbar und somit gibt es für die psychischen und/oder körperlichen Symptome keinen nachvollziehbaren Anker. Der auf Zellebene angelegte Informationsspeicher führt dazu, dass immer wieder Erinnerungen an der Körperebene auftauchen, die bewusst nicht kontrollierbar sind.
Um dieses Trauma und seine Auswirkungen in Fachkreisen und auch für Betroffene bekannter und zugänglicher zu machen, wurde diese AG gegründet. Sie verfolgt folgende Ziele:
• Medizinische, psycho- und physiotherapeutische Kompetenz-Bereiche vernetzen, Blickwinkel, Erkenntnisse und Wissen erweitern
• Bessere Begleitung von Menschen, die bei der Verarbeitung hinsichtlich dieses Traumas Hilfe suchen
• Sensibilisierung von Geburtshelfern und Therapeuten für dieses Thema
• Therapeutisches Angebot für Betroffene flächendeckend ausweiten und transparent machen
• Durch kompetenz-übergreifende Begleitung nachhaltige und ganzheitliche Ausheilung der Verletzungen
• Nationale und internationale Zusammenarbeit mit Vereinen, Institutionen und Forschungseinrichtungen auf dem Gebiet prä-/perinataler Traumatherapie • Publikmachung der aktuellsten Forschungsergebnisse
• Verdeutlichung der Auswirkungen der reprodukions-medizinischen Behandlungen auf das Ungeborene und sein Bindungs- und Familiensystem

Kontakt: info@twin-light.de Ansprechpartner Petra Becker, Düsseldorf, 015152541607 Britta Steinbach, Sprockhövel und Olfen, 01718710786

Aktivitäten:
Tagungsorganisation (ISPPM Jahrestagung 2013: Kaiserschnitt)
Kooperation mit der Dresdner Akademie für individuelle Geburtsbegleitung (DAfiGb) Link: www.dafigb.de
Vorträge und Forschungstätigkeit von Dr. Sven Hildebrandt
Link: www.prof-hildebrandt.de/forschung-und-lehre/buecher-und-publikationen/

Kontakt:
Frauenarztpraxis Prof. Dr. med. Hildebrandt, Grundstraße 174, 01324 Dresden,
Telefon: +49 (0) 351 / 26 998 0, E-Mail: info@dr-sven-hildebrandt.de

Die Arbeitsgruppe Bindungsanalyse ist ein Forum zur Diskussion der Methode der Förderung der vorgeburtlichen Mutter-Kind-Beziehung, die unter dem Namen „Bindungsanalyse“ von den ungarischen Psychoanalytikern György Hidas und Jenö Raffai entwickelt und in dem Buch „Die Nabelschnur der Seele“, Psychosozial Verlag Gießen 2005, dargestellt wurde. Eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Elemente der Methode findet sich in den Beiträgen von Gerhard Schroth und Jenö Raffai im „Lehrbuch der Pränatalen Psychologie“, Mattes, Heidelberg 2014.
Seit 2004 fanden in Heidelberg Weiterbildungskurse zur theoretischen und praktischen Vermittlung dieser Methode statt, die zur Durchführung der bindungsanalytischen Begleitung werdender Mütter qualifizierte. Später fanden auch ein Kurs in Wien und einer in Köln statt. Die Leitung der Kurse lag bei Jenö Raffai und Ludwig Janus. Die Absolventen der Kurse sind, soweit sie Mitglieder der ISPPM sind, in der Regel auch Mitglieder der Arbeitsgruppe.
Die Leitung der Arbeitsgruppe liegt bei Ludwig Janus, Dossenheim, janus.ludwig@gmail.com, und Gerhard Schroth, Gleisweiler, ba@schroth-apv.com.
Die Treffen der Arbeitsgruppe sind in die jährlich zweimal stattfindenden Supervisionswochenenden zur Bindungsanalyse integriert. Als Mitglied der Arbeitsgruppe hat Helga Blazy bisher in Köln drei Tagungen zu Themen der Bindungsanalyse organisiert. Die Vorträge wurden jeweils in Tagungsbänden veröffentlicht:
Blazy H (Hg.) (2009) Wie wenn man eine innere Stimme hört. Bindung im pränatalen Raum. Mattes, Heidelberg.
Blazy H (Hg.) (2012) Gespräche im Innenraum. Mattes, Heidelberg.
Blazy H (Hg.) (2014) „Wir kennen uns schon viel länger“. Mattes, Heidelberg.
Jenö Raffai hatte Grundlagen und Spezifizierungen der Bindungsanalyse auch im Rahmen der Tagungen und Kongresse der ISPPM dargestellt, die dann in dem International Journal for Prenatal and Perinatal Psychology and Medicine veröffentlicht wurden, das im Heidelberger Mattes Verlag erschien. Eine Sammlung aller Beiträge und Vorträge von Jenö Raffai erscheint in Kürze im Mattes Verlag.

Homepage Deutschland
Homepage Österreich

Kontakt:
Dr. med. Ludwig Janus, Jahnstraße 46, 69221 Dossenheim
Telefon: 06221 801650, E-Mail: janus.ludwig@gmail.com

Das International Educational Committee (IEC) ist ein Gremium der ISPPM, das ein internationales Ausbildungs-Curriculum in pränataler Psychogie entwickelt hat. Das IEC-Programm basiert auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen im prä-und perinatalen Bereich und bietet Kenntnisse, Fertigkeiten und professionelle Werkzeuge für alle Berufsgruppen im sozialen, pädagogischen und therapeutischen Bereich. International zertifizierte Kurse sollen in Zukunft in mehreren europäischen Ländern angeboten werden.

Kontakt:
Gisela Wallbruch, Kiefernhalde 23, 45133 Essen,
Tel.: +49 201 425106, E-Mail: Gisela.Wallbruch@gmx.de

Unter der Leitung von Gabriella Ferrari (ltalien) wurde eine Unterrichts- Einheit mit Filmvorführung entwickelt, um Schülern die Wichtigkeit und Sensibilität der vorgeburtlichen Entwicklungsphase eindrücklich zu machen. Das Projekt wird international durchgeführt und wissenschaftlich evaluiert.

Weitere Informationen finden Sie hier.

Kontakt:
Dr. Gabriella A. Ferrari, Via Giovanni Goria 4 -A8 43123 Parma – Italy
Tel: 0039 0521 255133 – Cell 0039 339 8994621, E-Mail: 9mesiedoltre@gmail.com

Als Sprecherin dieser Arbeitsgruppe bei der ISPPM e.V., in Personalunion mit der Vorsitzenden des Vereins GreenBirth e.V. bin ich an den Vorbereitungen der Jahrestagung der ISPPM für das Jahr 2015 in Berlin beteiligt.

Ausgehend von der „Charta der Rechte des Kindes vor, während und nach der Geburt“ – 1995 in Heidelberg von der ISPPM verabschiedet – soll zehn Jahre später der Frage nachgegangen werden, welche Aufgaben vor uns liegen, um die Charta im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Bei Interesse können sich Mitglieder gern melden, um in die Vorbereitungen einzusteigen.

Irene Behrmann (Irene.Behrmann@t-online-de

Teil 1: Geschichtliche Rahmenbedingungen für Elternschaft

In unserem Arbeitskreis ging es zunächst um die psychohistorische Dimension – um
unsere Erfahrungen als Kinder in den verschiedenen Jahrgängen vor und nach
Kriegsende, mit den entsprechenden unterschiedlichen „Rahmenbedingungen“ in
den verschiedenen Dekaden: Wie wirkte sich das auf unsere jeweilige Elternschaft
aus?
Die werdenden Eltern der letzten Jahre sind die Kinder der Kriegs- und Nachkriegs-
Kinder und wuchsen mehr oder weniger noch nach den vor allem durch die Kaiser- und
Nazizeit geprägten Einstellungen und Regeln zu Schwangerschaft, Geburt und
Säuglings- und Kleinkindversorgung und Erziehung auf.
Der Raum des Fühlens fand noch keine Sprache, es erfolgte noch keine sogenannte
„Mentalisierung“ früher Vorgänge/Gefühle in der Eltern-Kind-Interaktion. Es fand
keine positive Erfahrung wechselseitiger Regulation, keine Bemühung um eine
stimmige Eltern-Kind-Bindung statt – und auch keine gezielte Befähigung zum
Umgang mit Konflikten.
In dieser Übergangszeit von alten Regeln zu neuen Erkenntnissen – und den damit
verbundenen Verunsicherungen der Eltern – gab es Varianten, von denen nur zwei
gegensätzliche angedeutet werden:
Die eine Variante wurde durch die angepassten Eltern gelebt:
Deren Wunsch, dass die Kinder es besser haben sollten als sie, hat nicht selten zu
materieller Verwöhnung geführt, vermutlich aber auch zu emotionalen
Verlassenheiten, zu narzisstischem Missbrauch durch liebeshungrige Mütter oder
emotionslose Väter, also zu einer emotionalen Vereinnahmung oder Ähnlichem.
Diese Variante erschwerte es den Kindern der Kriegs- und Nachkriegskinder
offenbar, sich selbst um ihrer selbst willen zu finden und eine stabile Identität zu
entwickeln. Sind das mögliche Gründe für die „Angst vor Nähe“ (als oft geäußertes
Problem) – und damit auch Barrieren für die Stabilität der Beziehungen und für die
Entwicklung stimmiger Elternkompetenzen?
Die andere Variante entwickelte sich in der Übergangszeit in den 70/80er Jahren,
als die Verbreitung der neuen Erkenntnisse der Sozialwissenschaften, der
humanistischen Psychologie, der Frankfurter Schule, der neuen Pädagogik einsetzte
– mit weitgehenden Folgen für die Generationsbeziehungen: Diese Eltern machten
sich viele Gedanken und begaben sich auf neue Wege, indem sie mit Reformpädagogik-Ideen aus der Zeit der Weimarer Republik und aus anderen Ländern, z.B. Summerhill-Pädagogik oder Früherziehungs-Ritualen aus Naturvölkern experimentierten und häufig auch scheiterten. Im Allgemeinen hatten die rebellierenden Nachkriegs-Eltern eine liberale Früherziehung nicht selbst erlebt.
Bewusst oder unbewusst spürten daher die Kinder – die heutigen Eltern – die
Verunsicherung ihrer Eltern in der eigenen frühen Kindheit.
Insofern sind diese in den letzten Jahren zu Eltern gewordenen oder Eltern
werdenden Frauen und Männer auf Bewusstmachung ihrer eigenen
Kindheitsgeschichte und auf den Erwerb neuer Erkenntnisse und Verhaltensweisen
in Richtung auf Elternkompetenz angewiesen. Sie müssen neu ihre Positionen
suchen und finden.
Zugleich werden sie überflutet, verwirrt und manipuliert durch eine Unzahl von
Schwangerschaftsbegleit- und Früherziehungs-Informationen im Internet und als
Ratgeberlektüre, in denen nahezu alle Trends – von der Drill-Erziehung bis zur
Antipädagogik – aufgegriffen werden.
Hinzu kommt eine strukturelle Veränderung der gesellschaftlichen, staatlichen und
marktwirtschaftlichen Vereinnahmung von Schwangerschaft, Geburt und
Früherziehungszeit.

Teil 2: Gesellschaftliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen für Elternschaft

Bei der Diskussion der Rahmenbedingungen geht es sowohl um gesellschaftliches
als auch um wirtschaftliches Tun und Unterlassen.
Wo wird für die Frauen und Männer im Kontext von werdender oder bestehender
Elternschaft etwas getan, was besser im Sinne einer Entwicklungszielsetzung zu
unterlassen wäre?
Wo wird etwas unterlassen, was besser zu tun wäre, um Elternkompetenz im
doppelten Sinne zu fördern?
1. Wir haben es allgemein mit einem Prozess der Unterwerfung des Dienstleistungssektors und damit auch der medizinischen und beraterischen Dienstleistungen unter die ethikneutralen Regeln einer Gewinn-, Konkurrenz-, Effizienz- und Marktorientierung zu tun.
In den letzten zwei Jahrzehnten sind viele Bereiche staatlicher Gesundheitsangebote privatisiert und damit ungefiltert durch gesundheitspolitische und ethische Leitlinien den Marktmechanismen unterworfen worden.
„Ethikneutral“ ist ein eher beschönigender Begriff, denn Marktmechanismen
erzeugen besonders im Dienstleistungsbereich zumeist eine antihumane
Ausrichtung der Prozesse (Ausdünnung der Personaldecke, Vernachlässigung
unwirtschaftlicher Bereiche, Bevorzugung gewinnbringender Eingriffe).
2. Nicht mehr der reale Kundennutzen, die psychische und körperliche Gesundheit
von Mutter und Kind, die Entwicklungsunterstützung für die Familie und die
optimale Förderung des Kindes in Richtung auf Eigenständigkeit und
Zusammengehörigkeit (Autonomie und Interdependenz) stehen im Vordergrund,
sondern betriebswirtschaftliche Kenngrößen von Effizienz und Rendite (z. B.
return of investment, Fallpauschalen, Belegungsquoten, Abrechnungsziffern,
Kosten-Nutzen-Rechnungen) bestimmen das Entwicklungsgeschehen um
Zeugung, Schwangerschaft, Geburt und frühe Kindheit.
3. Obwohl wir in Deutschland ein im europäischen Vergleich gut ausgebautes
Hebammensystem haben, sind die Wirkungsmöglichkeiten der Hebammen in
den letzten beiden Jahrzehnten erheblich eingeschränkt worden (z. B. Erhöhung
der Versicherungskosten, schlechte Bezahlung, Druck durch Komplikationsüberzeichnung
seitens der Ärzte).
Auch dies entspricht der Konkurrenzlogik des Medizinmarktes (massive
Kundenabwerbung durch Angsterzeugung: Nur im Krankenhaus mit einer gut
ausgestatteten Notfallabteilung sei die gewünschte Sicherheit garantiert).
4. Ebenfalls ist die Anzahl der Geburten zurückgegangen, so dass der
gesundheitliche und psychosoziale Erwartungsdruck der Eltern bezogen auf
jedes einzelne Kind steigt. Kinder sind ein erheblicher Kosten- und Belastungsfaktor im Geld- und Zeitbudget einer Familie. Finanzielle Schlechterstellung gegenüber kinderlosen Paaren (DINKs: double income, no kids), Karriereeinbußen in der Berufstätigkeit durch Brüche in der Berufsbiografie werden für Kinder in Kauf genommen. Alleinerziehen von Kindern ist oft ein Isolations- und Armutsfaktor.
5. Dem entspricht eine Ausweitung des Spektrums von diagnostischen Verfahren
vor der Implantation bis hin zur Geburt. Die Verfahren wurden zugleich erheblich
verfeinert, so dass sich viele ethisch fragwürdige Möglichkeiten der biologisch-sozialen
Vorselektion (Zuchtwahl) eröffnet haben. Zugleich ist von Seiten der
Krankenkassen und des Staates das Pflichtnetz prä- und postnataler Kontrollen
für Mutter und Kind bzw. für das Neugeborene in den vergangenen Jahren enger
gestrickt worden.
Vorgebliche Sicherheitskonzepte (Mutter-Pass mit Untersuchungen, Ultraschall-
Terminen und genormten Messungen) bewirken auf der Oberfläche ein
Sicherheitsgefühl, auf der tieferen Ebene jedoch ein Gefühl zunehmender
Verunsicherung der Schwangeren, ihrer Partner und des ungeborenen Kindes:
(„Schrecklich, was da alles unserem Kind passieren könnte“ oder von Seiten des
Kindes: „Darf ich bleiben?“).
6. Die Erfahrung einer harmonischen, stressarmen Schwangerschaft sowie einer
natürlichen Geburt wird immer mehr zur gesellschaftlichen Ausnahmesituation,
gleichsam in den Bereich der Exotik gestellt.
Im Mittelpunkt stehen nicht mehr Überlegungen, den Müttern eine stressarme und
behagliche Schwangerschaft zu bereiten, sondern durch eine enge Abfolge von
zum Teil in Hinblick auf die psychische Wirkung (Vermehrung von Angst und
Unsicherheit) fragwürdigen Untersuchungen eine Pseudo-Geborgenheit zu
vermitteln, Schuldgefühlsentstehung scheinbar zu reduzieren (Ich habe ja
schließlich alles wahrgenommen, was angeboten wurde) und die Oberflächenangst zu minimieren (anstatt mir – meinem Leib, meiner Intuition, den fein abgestimmten natürlichen Entwicklungsprozessen – zu vertrauen, vertraue ich den Experten in Weiß).
An die Stelle der Emanzipation von Müttern und Vätern durch Selbstermächtigung in Verbindung mit einer aktivierenden, die Gefahren relativierenden Aufklärung (ein Restrisiko bleibt so oder so erhalten) tritt eine depotenzierende
Fremdkontrolle durch daran gut verdienende Fachleute.
7. Die Existenz und dementsprechend auch Rechte der Kinder im Mutterleib
einschließlich des Geburtsprozesses sind bisher noch überhaupt nicht offiziell
formuliert (außerhalb der ISPPM). Auch Rechte für Babys und Kleinkinder sind
nicht spezifisch auf deren Entwicklungserfordernisse hin benannt worden.
Es besteht eine geringe Fähigkeit (Empathie) und Bereitschaft in der
Gesellschaft, die gesellschaftlichen und familiären Entwicklungsbedingungen
konsequent unter Einbeziehung des aktuellen Forschungsstandes (u. a.
Bindungsforschung oder Pränatalpsychologie) aus der Perspektive der
„werdenden Menschenkinder“ zu betrachten.
Wirtschaftliche (Frauen als hochqualifizierte Arbeitskräfte), parteipolitische,
frauenrechtsbezogene und institutionelle Fragestellungen (Ausstattung der Kitas,
Ausbildungsqualität des Personals) überlagern die Orientierung an den Bedürfnissen der Kinder.
8. Eine systematische Aufklärung und Kompetenzförderung von werdenden Eltern
(Elternschule, Eltern-Führerschein, Fach: Psychosoziale Prävention in den
Schulen) findet gesellschaftlich nicht statt, obwohl erste Konzepte dafür
inzwischen vorliegen.
“Gesellschaftlich wäre schon viel gewonnen, wenn die Bedeutung der frühen
Kindheit akzeptiert und die Sozialpolitik die optimale Betreuung von Kindern zur
zentralen Aufgabe machen würde. Dazu gehören natürliche Entbindungen,
Elternschulen, die Entwicklung guter Mütterlichkeit und Väterlichkeit, ein
Orientierungswandel von der Erziehung zur Beziehung sowie kindorientierte
Betreuungsformen. Auf dieser Grundlage könnte eine „Beziehungsgesellschaft“
wachsen“ (Hans-Joachim Maaz: „Die narzisstische Gesellschaft“, München, 2012, S.
217).

Teil 3: Eltern-Kompetenz als Transformationsprozess

Die Zeit von Schwangerschaft, Geburt und früher Kindheit beinhaltet für Mutter und
Vater einen Transformationsprozess in Richtung Elternkompetenz.
Dieser innere Wachstumsprozess soll von uns als Begleitenden in wohlwollender
Weise erkundet und begleitet werden.
• Kompetenz ist Fähigkeit von Wissen und Können, den Prozess der Entscheidung
für Kinder (bewusste und verantwortliche Zeugungsbereitschaft), der
Schwangerschaft und Geburt (selbstbewusste Eigen- und Partner-Begleitung)
und des zumindest triadischen Familien-Miteinanders in der Nachgeburtszeit
(Bindungs- und Entwicklungs-Bewusstsein) auf dem Stand der aktuellen
Diskussion für alle Beteiligten gut genug (Winnicott) gemeinsam zu gestalten.
Die Arbeitsgruppe ist jetzt dabei Leitlinien für Multiplikatoren in der Elternbegleitung
zur Kompetenzaneignung zu formulieren. Ein Entwurf findet sich im Anhang.

Teil 4: Möglichkeiten der Förderung konstruktiver Elternschaft

In den gegenwärtigen Rahmenbedingungen (siehe Teil 2) ist der manipulative Faktor
des „herrschenden Prinzips“ groß und schürt bei werdenden Eltern Angst und
Verunsicherung. Hinzu können mehr oder weniger unbewusste bzw. bewusste
emotionale Erfahrungen in den eigenen Kindheiten kommen. Daher ist es für das
werdende Kind von großer Bedeutung, um seiner selbst willen gewollt, beschützt und
gefördert zu werden, und nicht zur Heilung der Wunden der Eltern.
Praktische Möglichkeiten der Förderung von Elternkompetenz:
1. Frühe Vermittlung von Wissen über das beginnende und wachsende Lebewesen –
schon in den oberen Klassen von Schulen und in Jugendzentren und Elternschulen:
Sensibilisierung für die Notwendigkeit des werdenden Kindes, im Uterus einen
ungestörten Raum des Wachsens zu haben (Kindesinteresse) – und anderseits
Schulung des kritischen Umgangs mit Angeboten aus Medizin und Technik
(Marktwirtschaftsinteressen).
2. Breites Angebot von Gesprächsgruppen mit werdenden Eltern – an Wochenenden,
an denen auch Väter die Möglichkeit dazu haben – Förderung der Triangulierung!
Nur in Gruppengesprächen könnte sich mithilfe des Identifizierens mit anderen in der
gleichen Situation ein Weg anbahnen, Angst, Abwehr und Widerstand zu lösen, um
Erinnerungen an eigene Kindheitserfahrungen anzusprechen – und dann erst den
Mut zu finden, aus den „Mainstream-Sicherheitsvorschriften“ auszusteigen und
gemeinsam neue Wege zu finden, die nicht nur wieder neue Vorschriften sind,
sondern Vertrauen in die eigenen Intuitionen und die Fähigkeit zur Empathie.
3. Erstellung einer kurzen Broschüre, deren Titel keinen Widerstand auslösen darf
(im oben beschriebenen verstehenden Sinn) und über die Kassen verteilt wird – u.a.
auch mit der Ankündigung von Gesprächsgruppen.
4. Ein Buch oder eine Aufsatzsammlung im Sinne des Mutterstärkenden Buches :
Dick-Read, Grantly: Mutterwerden ohne Schmerz. Die natürliche Geburt. Hamburg:
Hoffmann und Campe 20.Aufl. 1989, ein Buch, das eine eigene Möglichkeit für die
Mütter anbietet, sich auf die Mutterschaft vorzubereiten – ein Wegweiser für die
Befreiung von der Angst vor Schmerzen, die heute so geschürt wird
[Zu diesem Thema wird erstmalig eine groß angelegte Verbundstudie vom
Bundesministerium gefördert:
Aus der Ankündigung http://idw-online.de/de/news549089
„Meine Kindheit – Deine Kindheit“
Eltern wollen das Beste für ihre eigenen Kinder. Welche Rolle spielen dabei aber ihre
eigenen Kindheitserfahrungen? Was befähigt Eltern dazu, ihre positiven
Kindheitserlebnisse auch in Stresssituationen der Elternschaft an die eigenen Kinder
weiterzugeben? Wer in seiner Kindheit Gewalt oder Vernachlässigung erlebt hat,
trägt ein erhöhtes Risiko, diese negativen Erfahrungen an sein Kind weiter zu geben.
Was befähigt Betroffene dazu, mit dem eigenen Kind dennoch einen besseren Weg
zu gehen? Welche Faktoren tragen dazu bei, dass Mütter eine feinfühlige Beziehung
zu ihrem Kind aufbauen? In der Studie „Meine Kindheit – Deine Kindheit“ suchen
erstmals in Deutschland Psychologen, Biologen und Mediziner durch einen
umfassenden Blick auf Mutter und Kind gemeinsam Antworten auf diese Fragen –
die nahe liegen, aber bisher kaum wissenschaftlich untersucht wurden“.

Anhang:

Für Teil 3 liegt folgender Entwurf von Helmut von Bialy vor
Teil 3: Elternkompetenz als Transformationsprozess
Die Zeit von Schwangerschaft, Geburt und früher Kindheit beinhaltet für Mutter und
Vater einen Transformationsprozess in Richtung Elternkompetenz.
Dieser innere Wachstumsprozess soll von uns als Begleitende in wohlwollender
Weise erkundet und begleitet werden.
Kompetenz in dem in unserer Arbeitsgruppe verstandenen weiteren Sinne umfasst
Dürfen und Können. Eltern-Kompetenz ist also in doppelter Weise zu verstehen:
• Einerseits ist Kompetenz Erlaubnis, das Eltern-Sein aktiv selbst- und
fremdverantwortlich zu leben, ungestört von nicht abgesprochenen und
ausdrücklich befürworteten Eingriffen aus dem staatlichen und medizinischem
Bereich (äußere Freiheit) und ungestört von Ängsten aus der Kindheit, aus
aktuellen Neurosen (z. B. Narzissmus) wie aus vorangegangenen Eltern- und
Partnerschaftserfahrungen (innere Freiheit).
• Andererseits ist Kompetenz Fähigkeit (Wissen und Können), den Prozess der
Entscheidung für Kinder (bewusste und verantwortliche Zeugungsbereitschaft),
der Schwangerschaft und Geburt (selbstbewusste Selbst- und Partner-
Begleitung) und des zumindest triadischen Familien-Miteinanders in der
Nachgeburtszeit (Bindungs- und Entwicklungsbewusstsein) auf dem Stand der
aktuellen Diskussion für alle Beteiligten gut genug (Winnicott) gemeinsam zu
gestalten.
Daraus leiten sich Leitlinien für die Elternbegleitung zur Kompetenz-Aneignung ab:
1. Ein künftiges Elternpaar (oder eine Mutter) ist sich in etwa der Verantwortung
bewusst, was es für ihr Leben heißt, wenn es einem Kind (oder mehreren
Kindern) die Chance zu leben einräumt.
Dieses Bewusstsein gilt es in staatlichen Bildungs-Einrichtungen allen Lernenden
(z. B. im Fach Gesundheitsprävention in den Abgangs-Klassen) zu vermitteln.
Prävention muss „schon sehr früh einsetzen; eigentlich bereits mit dem
Geschehen der Zeugung und Empfängnis, dem Umgang mit der
Schwangerschaft, der Art und Weise des Gebärens, der Einstellung zum Stillen
und der Qualität mütterlicher und väterlicher Beziehungsangebote.“ (Maaz S. 178)
2. Ein Paar kennt die wesentlichen Beratungsangebote für Schwangerschafts-,
Geburts- und frühkindliche (erstes bis drittes Jahr) Entwicklungsbegleitung und
ist auch bereit, diese Angebote, wenn erforderlich, zu nutzen (Regionale Info-
Broschüren bei Frauen-Ärzt/-innen und im Internet).
3. Ein Paar kennt die Gefahren der körperlichen und seelischen Beeinträchtigung
von Embryos und Föten im Mutterleib durch toxische Stoffe (z. B. Alkohol und
Zigaretten) und durch Stressbelastungen (Stresshormone).
(Bildungseinrichtungen, obligatorische Beratung und Broschüren)
4. Ein Paar weiß, dass die partielle (z. B. Geschlecht) oder pauschale Ablehnung
eines Kindes erhebliche Auswirkungen auf die Erlebensweise (zuversichtlich
oder eher depressiv) und Lebenskonzepte ihres Kindes hat. Der Einfluss auf die
Entwicklung von Selbstwert und der psychosoziale Ausdruck des Gewollt- oder
Nichtgewollt-Seins ist ihnen klar.
5. Ein Paar weiß, welche Entwicklung ein Kind während der Schwangerschaft
durchläuft und wie es schon während der Schwangerschaft eine erste Bindung
zum Kind herstellen kann (Bindungsanalyse nach Raffai).
6. Ein Paar weiß, dass Liebe unter anderen das Bemühen um ein möglichst gutes
Verstehen ist, wie ein anderer Mensch ist, wie er denkt und fühlt. „Eine derart
gelingende Empathie ist die entscheidende Quelle für die narzisstische Sättigung
(des Kindes). Aber Empathie lässt sich nicht machen, nicht erlernen, sondern nur
freisetzen. Empathisch wird, wer sich selbst gut versteht und nichts mehr (vor sich
selbst) verbergen, verleugnen, sich zurechtbiegen und beschönigen muss. Eine
solche Selbsterfahrung wäre die wichtigste Aufgabe für „Elternschulen“, um die
narzisstische Schädigung von Kindern auf ein möglichst niedriges Niveau zu
senken.“ (Maaz S. 183 f)
7. Ein Paar weiß, dass „die Qualität der ersten Beziehungserfahrungen mit Mutter
und Vater darüber entschiedet, was sich dem Menschen neuronal einprägt. Frühe
Beziehungen bilden ein Art neuronaler Erfahrungsschablone, die wesentlichen
Einfluss auf die spätere Wahrnehmung und Bewertung der Lebensereignisse
nimmt.“ (Maaz S. 173)
„Dabei spielen erlebte liebevolle Zuwendung, sichere Bindung und die hilfreichen
Erfahrungen von Bestätigung, Trost und Unterstützung eine wesentliche Rolle für
den genetisch begründeten Anteil, etwa den von Vertrauen, Geduld und
Toleranz.“ (Maaz: S.174)
8. Ein Paar weiß, dass ein Kind damit überfordert ist, wenn es die Paarbindung
aufrecht zu erhalten hat (Kind als „Beziehungskitt“), und leitet daraus die
Verantwortung ab, den Eigenwert der Partnerschaft, das kinderunabhängige Wir
der Beziehung zu erhalten und zu fördern.
9. Ein Paar hat das geistige Vermögen, unnötige und sinnvolle Eingriffe von
medizinischer und staatlicher Seite während Schwangerschaft, Geburt und
Nachgeburtszeit zu unterscheiden, sowie die seelische und soziale Kraft,
unnötige bis schädliche Untersuchungen und abzuwehren (Selbstbestimmungskompetenz, Ich-Stärke).
10. Ein Paar öffnet sich dafür, sich an biologisch-intuitive Körper-Prozesse
anzubinden und den Prozess des Schwangerseins und Gebärens konstruktivhoffnungsvoll
(guter Hoffnung sein) zu begleiten.
11. Ein Paar hat die geistigen und seelischen Möglichkeiten, aus den Vorschlägen für
Geburtsort- und Geburtsart-Auswahl (z. B. Hausgeburt, Geburtshaus, Klinik,
natürliche oder Kaiserschnittgeburt) den für ihre Situation passenden Weg
jenseits der Mode-, Mitwelt- und Marketingzwänge zu wählen, ohne in
Dogmatismus zu verfallen.
12. Ein Paar hat die innere und äußere Freiheit, die Startphase ins Leben (die ersten
drei Jahre des Kindes) zum allseitigen Vorteil aller Familien-Beteiligten zu
optimieren (Stillzeit, Elternzeit, Krippe oder Hausbetreuung, Vereinbarkeit von
Familie und Beruf, Chancengleichheit von Mann und Frau etc.).
13. Ein Paar kennt die wahrscheinliche Triadendynamik (Mutter-Vater-Kind) in den
ersten drei Jahren der Kindesentwicklung und kann sich rechtzeitig geeignete
Beratung holen, sobald die sich entfaltende Dynamik sie zu überfordern droht.
14. Ein Paar ist in Bezug auf die Bedürfnisse ihres Kindes hinreichend einfühlsam
und feinfühlig sowie erfindungsreich in der Bereitstellung von angemessenen
Befriedigungsmöglichkeiten.
15. Ein Paar kennt und meidet durch (begleitete) Selbsterkundung die Gefahr, selbst
erlebte Kindheitsdramen im Zusammenhang mit ihrem Kind zu reinszenieren
(Unterbrechung des Wiederholungszwangs).
„Elternschaft besteht in der Verantwortung, eigene Probleme selbständig zu
bewältigen, um die Kinder damit so wenig wie möglich zu belasten und sie
bestmöglich zu begleiten, zu bestätigen und zu fördern. Gute Elternschaft mündet
stets in die Freiheit der Kinder“ (Maaz S. 143).
16. Ein Paar ist sich darüber im Klaren, dass ihre Fähigkeit zur guten Elternschaft, zu
Verständnis und Toleranz für ihre Kinder, für Ihre Andersartigkeit nicht voll
entwickelt ist.
Sie wissen, dass ihre Zeit, ihre Geduld und ihre Einfühlungsfähigkeit wie
Feinfühligkeit begrenzt sind.
„Alle Eltern sind begrenzt und fehlerhaft. Kinder sind nicht verantwortlich und
tragen keine Schuld an dem Befinden der Eltern“ (Maaz S. 187).
„Eltern stehen in der Verantwortung, ihre eigene narzisstische Problematik so gut
wie möglich regulieren zu lernen, ohne sie über die Kinder auszuagieren“ (ebd.).
„Bei der Beratung von Müttern sollte die begrenzte Mütterlichkeit thematisiert
werden. Das eigentliche narzisstische Defizit zu erkennen, zu verstehen und
emotional zu verarbeiten ist die beste Voraussetzung, um wirklich gut Mutter oder
Vater sein zu können“ (ebd.).
Entscheidend für die Kinder ist, dass ihnen diese Begrenzung als Problem der
Eltern und nicht als ihre „Schuld“ vermittelt wird.
„Narzisstisch gestörte Eltern sind immer in der Gefahr, Schuld auf ihre Kinder zu
projizieren. Sie brauchen die (irrtümliche) Überzeugung, nur das Beste für ihre
Kinder zu wollen und zu tun, um sich über ihre Kinder und die Elternfunktion
narzisstisch zu stabilisieren“ (Maaz S. 143).
„Der gesunde Erwachsene braucht nicht die Erfolge des Kindes. Er hat Kinder, für die
er ganz selbstverständlich die elterliche Funktion und Verantwortung übernimmt, lebt
sein eigenes Leben aber auch in relativer Unabhängigkeit vom Kind“ (Maaz S.188).

(Erstellt von der Berliner Arbeitsgruppe: Paula Diederichs, Karin Gailing, Helmut von Bialy, Charlotte und Alf Schönfeldt)

Kontakt: Paula Diederichs (info@pauladiederichs.de)

Die Wurzeln der Pränatalen Psychologie liegen in der Psychoanalyse; bei den direkten Freudschülern Otto Rank, Sándor Ferenczi und Gustav Hans Graber. Freud selbst hatte ein starkes Interesse an Kulturtheorie und entwickelte erste Theorieansätze zur Entwicklungsgeschichte der menschlichen Kultur in Wechselwirkung mit der psychischen Evolution, z.B. in „Das Unbehagen in der Kultur“. Die psychologische Mythendeutung war von Beginn an ein wichtiges methodisches Instrumentarium der Psychoanalyse. Lloyd De Mause hat als einer der ersten die pränatalpsychologischen Erkenntnisse auf Kulturtheorie angewendet, aus der die Forschungsrichtung der Psychohistorie erwachsen ist.

Auch C.G. Jung ist als wichtiger Theoretiker der Kulturpsychologie zu nennen, der mit dem Konzept der Archetypen einen wichtigen Ansatzpunkt für die pränatalpsychologische Perspektive auf Kulturphänomene geschaffen hat, ohne jedoch selbst die Herkunft der archetypischen Symbole, die in den unterschiedlichsten Kulturen aller Zeiten zu finden sind, auf die allgemeinmenschlich gegebene vorgeburtliche Entwicklungsphase zurückzuführen.

Gerade der Ansatz der Mythendeutung hat der Psychoanalyse leider den Vorwurf der unwissenschaftlichen Mystifizierung eingebracht. Die Erweiterung dieser Perspektive um die vorgeburtliche Entwicklungsphase kann hier jedoch wissenschaftlich fundierte Klarheit bringen. Inzwischen ist es unter pränatalpsychologischen Fachleuten unbestritten, dass die menschliche Psyche in der Lage ist, über veränderte, regressive Bewusstseinszustände vorgeburtliche, engrammatisch gespeicherte Körpererinnerungen dem Bewusstsein über symbolische Bilder vermittelt zugänglich zu machen.

Zentrale Archetypen bzw. universale Symbole der Kosmogonien der Menschheit sind u.a. der Weltenbaum, die Schlange, die Axis Mundis (Weltenachse), der Weltenberg, die Höhle, die Heilige Quelle. Diese Symbole des Heiligen, die mit der Weltenschöpfung in Verbindung stehen, sind unschwer als Erinnerungen an vorgeburtliche Erfahrungen identifizierbar:

– Baum des Lebens, Weltenbaum, Verbindung der Welten, Axis Mundis = Plazenta
– Weltenberg mit Heiliger Höhle = Uterus
– Heilige Quelle, Wasser des Lebens = Amnionflüssigkeit
– Schlange = Nabelschnur

Darüber hinaus können lange Zeit unbegriffene archaische, schamanische Rituale, die mit Trancetechniken arbeiten, als Kulturtechniken verstanden werden, die eine Regression zu pränatalen Bewusstseinsinhalten induzieren und eine Integration der Psyche ermöglichen. Alle Initiationsriten sog. „Naturvölker“ folgen dem archetypischen Schema von Rückkehr in den Mutterleib und Wiedergeburt. Sie beinhalten eine Trennung von der Gemeinschaft, einen inneren Umwandlungsprozess, in dem der Initiant mit dem Heiligen in Berührung kommt und eine Wiedereingliederung in die Gemeinschaft auf einem höheren Funktionsniveau (vgl. Janus 2000, S. 191). Sie dienen also der Reifungsentwicklung.
In späteren Kulturphasen ist dieses Urwissen mehr und mehr verloren gegangen, die archetypischen Symbole pränatalen Ursprungs sind jedoch bis heute weiter tradiert worden. Jeder Königskult erhält seine numinose Stahlkraft von pränatalsymbolischen Inszenierungen. Dr. Ludwig Janus weist darauf hin, dass Herrscherinsignien den König als Fötus suggerieren:

– Roter Samtmantel = Uterus
– Thron, Erhabenheit von Erde, Sänfte = Getragensein im Mutterleib
– Zepter = Nabelschnur
– Krone = Beckenring kurz vor der Geburt (vgl. Janus in Evertz 2002, S. 20)

Kulturleistungen können also als Versuch der Wiederherstellung des vorgeburtlichen paradiesischen Zustands interpretiert werden. Moderne Technik und gegenwärtige Konsumkultur bezwecken letztlich nichts anderes als ein schlaraffenlandähnliches fötales Dasein zu simulieren.

Heute stehen wir an einer Schwelle, wo uns klar wird, dass diese unbewusste, fixiert regressive Richtung der Kulturentwicklung sich destruktiv sowohl auf die Menschen als auch den gesamten Lebensraum Erde auswirkt. Wir beuten als parasitäre Föten unsere Mutter Erde aus.

Bewusst induzierte Regression auf ein pränatales Funktionsniveau der Psyche kann hier einen vielversprechenden, umfassenden Heilungsansatz bieten, der zu einer Reifungsentwicklung zu Verantwortung führt.

Kontakt: Ludwig Janus (janus.ludwig@gmail.com)

Besonders in Deutschland wurde lange Zeit heftig gestritten, ob die Psychologie zu den Geisteswissenschaften oder Naturwissenschaften gehört. Dilthey wertete in seinem 1894 erschienenen Buch die naturwissenschaftliche Richtung als „zergliedernd-erklärende Psychologie“ gegenüber der geisteswissenschaftlichen Richtung als „beschreibend- verstehender Psychologie“ ab. Inzwischen ist die Erforschung naturwissenschaftlicher Grundlagen der Psychologie ein anerkanntes eigenständisches Gebiet, das als „Biologische“ oder „Physiologische Psychologie“ bezeichnet wird. Die „Neuropsychologie“ untersucht speziell Zusammenhänge psychologischer und neurophysiologischer Prozesse.

Die Erarbeitung naturwissenschaftlicher Grundlagen dient dazu, beobachtbare psychologische Phänomene zu erklären. Hierzu werden empirische Untersuchungsmethoden zur kontrollierten Beobachtung und für gezielte Experimente bei Mensch und Tier eingesetzt. Beispiele der kontrollierten Beobachtung in der Prä- und Perinatalen Psychologie stellen Beobachtungen von Reaktionen des ungeborenen Kindes auf äußere Reize wie Musik oder Berührung (Ultraschall, Herzfrequenz) oder die Untersuchung von Langzeiteffekten von mütterlichem Stress auf die Entwicklung des Kindes dar. Experimente befassen sich beispielsweise mit Wirkungen von mütterlichem Stress im Tiermodell auf die Entwicklung der Nachkommen (Verhalten, Lernfähigkeit, Stressreaktionen, Hormonhaushalt, Wachstum). Bei allen Vorbehalten gegenüber kontrollierten Experimenten (insbesondere an Tieren) sind naturwissenschaftliche Grundlagen der prä- und perinatalen Psychologie und Medizin von großer Bedeutung für das Verständnis, die weitere Entwicklung und Akzeptanz unserer Arbeit.

Die Aufgabe der AG Naturwissenschaftliche Grundlagen der Pränatalen und Perinatalen Psychologie liegt darin, veröffentlichte Untersuchungen zu bewerten und für unsere Arbeit zu nutzen.

Folgende Themen erscheinen zur Zeit besonders relevant:

• Die normale Entwicklung des Gehirns (Struktur, Funktionen)
• Physiologische Einflüsse auf die Gehirnentwicklung (Genetik, Epigenetik, Ernährung, Hormone)
• Entwicklung von Bewusstsein, Wahrnehmung, kognitiver Kompetenzen (Aufmerksamkeit, Denken, Lernen, Gedächtnis, Sprache), Handeln, Persönlichkeit etc.
• Verhalten und Erleben des Kindes vor, während und nach der Geburt
• Normale und gestörte Interaktion von Mutter und Kind vor und nach der Geburt
• Kulturelle Unterschiede
• Effekte von prä- und postnataler Stimulation (Musik, Berührung, Licht etc)
• Ungünstige Umwelteinflüsse (Drogen, Rauchen, Lärm, Schadstoffe, Medikamente)
• Effekte von Stress, Angst, Emotionen, negativer Einstellung der Mutter u.a.
• Geburts-Stress/-Traumen (Sectio, Frühgeburt, Trennung von der Mutter, Lärm, grelles Licht, medizinische und pflegerische Maßnahmen)

Otwin Linderkamp (olinderkamp@yahoo.de)

Rahmenvorstellungen einer „Pränatal fundierten Psychotherapie (PfP)”

Die „Pränatal fundierte Psychotherapie“ hat ihre Methodik und Praxis in einer großen Zahl von Darstellungen in den letzten Jahrzehnten  zugänglich gemacht und ein solides Fundament erarbeitet, auf das die etablierten Psychotherapiesysteme zurückgreifen können. Hier  seien nur beispielhaft genannt: „Pränatale Psychologie und Psychotherapie“, Mattes, Heidelberg 2004 mit einer Reihe von Originalarbeiten und einer Leseliste und weit über 100 Fall bezogenen Darstellungen.

Je nach den Bedingungen des jeweiligen psychotherapeutischen oder klinischen Settings ergeben sich unterschiedliche modellhafte Anwendungsformen.

Modell der „Pränatal fundierten Psychotherapie“ in der Psychotherapie Erwachsener

In Bezug auf die bestehende Spaltungsstruktur des psychotherapeutischen Feldes mit einer an der postnatalen Entwicklung orientierten Psychoanalyse und Tiefenpsychologie  auf der einen Seite und den an traumatischen vorgeburtlichen und geburtlichen Belastungen orientierten Ansätzen in der Humanistischen Psychologie auf der anderen Seite hat die  “Pränatal fundierte Psychotherapie“  den Anspruch, diese Spaltung zu überwinden. Das eröffnet potentialreiche Ressourcen für die etablierten psychotherapeutischen Systeme. Für die Psychoanalyse und die Tiefenpsychologie ergibt sich die Anregung und Begründung, die in ihren Theorien und ihrer Praxis bestehende Verleugnung der lebensgeschichtlichen Bedeutung der vorgeburtlichen  Lebenszeit von der Geburt zu überwinden, um die frühe vorsprachliche Lebenswirklichkeit behandlungspraktisch zu integrieren. Wesentlich ist dabei wiederum eine entschiedene Erweiterung der Wahrnehmung in Bezug auf die Abkömmlinge vorgeburtlicher und geburtlicher Erfahrungen.  Weiter wird eine Diskussion um die Einbeziehung körperpsychotherapeutischer, regressionspsychotherapeutischer und imaginativer Techniken wichtig sein. Für die an den traumatischen vorgeburtlichen und geburtlichen Belastungen orientierten Ansätzen in der Humanistischen Psychologie ergibt sich die Anregung, die komplexe Individuationsbegleitung,  wie sie in der Psychoanalyse und Tiefenpsychologie realisiert wurde, mit dem eigenen Ansatz konstruktiv zu verbinden.

Neuere Zusammenfassende Darstellungen von Theorie und Praxis der „Pränatal fundierten Psychotherapie“ geben unter anderem diese Bücher:

Levend H, Janus L (Hg.) (2011) Bindung beginnt vor der Geburt. Mattes, Heidelberg.
Janus L (2000) Der Seelenraum des Ungeborenen. Pränatale Psychologie und Therapie. Patmos, Ostfildern.
Janus L (Hg.) (2013) Die pränatale Dimension in der Psychotherapie. Mattes, Heidelberg.
Schindler P (Hg.) (2011)  Am Anfang des Lebens. Schwabe, Basel.

Modell einer „Pränatal fundierten Psychotherapie“ in der Kinderpsychotherapie

In der Kinderpsychotherapie mit ihren vielen szenischen Elementen können sich prä- und perinatalen Erfahrungen sehr unmittelbar darstellen. Es geht wesentlich um eine Erweiterung der Wahrnehmung der Therapeuten, um diese Zusammenhänge auch konstruktiv aufzugreifen. Beispielhaft sind hier die Beiträge von Antonia Stulz-Koller und Bruno Hilkert in „Die pränatale Dimension in der Psychotherapie“, Mattes, Heidelberg 2013,  und der Beitrag von Antonia Stulz-Koller im „Lehrbuch der pränatalen Psychologie“, ebenso auch  das Fallbeispiel von Dorette Kugele in „Das Seelenleben des Ungeborenen – eine Wurzel unseres Unbewussten“ (Download von www.Ludwig-Janus.de).

Die  Fortschritte in der Pränatalen Psychologie ermöglichen heute auch einen verstehenden Umgang mit den Nöten und Regulationsstörungen von Säuglingen, wie die Arbeiten von William Emerson, Franz Renggli, Karlton Terry und Rien Verdult zeigen.

Modell der „Pränatal fundierten Psychotherapie“ in der frauenärztlichen Sprechstunde

Rupert Linder und Sven Hildebrandt haben in ihren Arbeiten gezeigt, dass vorgeburtliche  und geburtliche Erfahrungen eine aktuelle Schwangerschaft und Geburt in bedeutsamer Weise beeinflussen und prägen können. Darum ist die Erfassung dieser Zusammenhänge durch eine erweiterte  Wahrnehmung der Geburtshelfer und Frauenärzte   eine dringliche Forderung der Praxis. Die existentielle Situation der Schwangerschaft und der Geburt konstelliert Möglichkeiten intensiver und wirksamer psychotherapeutischer Interventionen. Vorbildlich sind hier die Beiträge von Rupert Linder in „Die pränatale Dimension in der Psychotherapie“  und von Rupert Linder und Sven Hildebrandt in „Die pränatale Dimension in der psychosomatischen Medizin“ und im „Lehrbuch der Pränatalen Psychologie“, Mattes, Heidelberg 2014.

Das Modell der „Pränatal fundierten Psychotherapie“ in der Kunstpsychotherapie

Wegen der methodischen Eigenständigkeit ist es sinnvoll die Kunstpsychotherapie als ein besonderes Modell der Pränatal fundierten Psychotherapie hervorzuheben.  Die Ebene des bildnerischen Gestaltens gibt eine besondere Möglichkeit vorsprachliche Erfahrungsinhalte zu repräsentieren und der Reflexion zugänglich zu machen, wie die Arbeiten von Klaus Evertz beispielhaft zeigen, siehe etwa sein Beitrag in „Seelisches Erleben vor und während der Geburt“ von S. Haibach und mir herausgegeben, LinguaMed, Neu-Isenburg 1997, und seine mit mir herausgegebenen Bücher „Kunstanalyse“ und „Kunst als kulturelles Bewusstsein vorgeburtlicher und geburtlicher Erfahrungen“, beide bei Mattes, Heidelberg.

Resümee

Die  “Pränatal fundierte Psychotherapie“ basiert nicht nur auf den Beobachtungen in der psychotherapeutischen Situation, sondern ebenso auf den Ergebnissen der empirischen Wissenschaften  zu den Wirkungen von vorgeburtlichen Stress, zur vorgeburtlichen Programmierung, zur frühen Hirnentwicklung, zur Geburtsdynamik, zur Epigenetik usw. Sie ist in diesem Sinne interdisziplinär begründet. Ihre Beobachtungen haben deshalb auch Auswirkungen auf die anderen Wissenschaft- und Praxisbereiche um Schwangerschaft und Geburt herum. So hat das Wissen um die psychologische Bedeutung der Bedingungen der frühen Entwicklung den Umgang insbesondere mit der Geburt und auf der Schwangerschaft erheblich beeinflusst. Insbesondere  gilt das für den umfassenden Wandel  im Umgang mit  frühgeborenen Kindern, siehe das entsprechende Kapitel von Otwin Linderkamp im „Lehrbuch der Pränatalen Psychologie“, Mattes, Heidelberg 2014.

Der „Pränatal fundierten Psychotherapie“ kommt  für die Erfassung der seelischen und lebensgeschichtlichen Auswirkungen der  geburtshilflichen  Eingriffe eine große Bedeutung und Verantwortung zu, da  sie bisher als einzige über kompetente und aussagekräftige Beobachtungen und Aussagen verfügt, siehe die  Arbeiten  zu diesem Thema von William Emerson  und Peter Schindler in “Die pränatale Dimension in der Psychotherapie“.

Vorbildlich ist auch der neue Kongressband der ISPPM zum Kaiserschnitt, herausgegeben von S. Hildebrandt, H. Blazy, J. Schacht und W. Bott, Mattes, Heidelberg 2014

Kontakt:

Martia Klippel-Heidekrüger (klippelheidekrueger@hotmail.com)

Ludwig Janus (janus.ludwig@gmail.com)

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